Die Sieben Qualitäten im WTU Wing Tsun

Im WTU Wing Tsun sprechen wir oft von den „Sieben Qualitäten“. Was verstehen wir darunter und welche Bedeutung haben sie? Das ist das Thema dieses Artikels.

 

Weshalb nennen wir sie Qualitäten und nicht Fähigkeiten? Unter einer Fähigkeit versteht man etwas Erlerntes, unter Umständen sogar eine äußere Konditionierung. Fähigkeiten haben etwas mit „Tun“ gemeinsam. Wenn wir eine Fähigkeit erwerben, können die Person und der Charakter darum herum unberührt bleiben.

 

Qualitäten erlangt man aufgrund eines inneren Wandlungsprozesses. Qualitäten erzeugen eine eigene neue Art von Präsenz. Qualitäten sind „Sein“ und nicht „Tun“. Wenn wir eine neue Qualität erlangen, sind wir ein Anderer geworden. Wir haben uns zum Positiven verändert. Wir haben nicht nur unser „EGO“ mit einer neuen Fassade aufpoliert.

 

In der WTU unterscheiden wir folgende Qualitäten:

 

1.   Aufmerksamkeit

2.   Elastizität

3.   Balance

4.   Sensitivität

5.   Gewandtheit

6.   Timing

7.   Absicht

 

 

Die Reihenfolge ist bewusst so gewählt. Jede nachfolgende Qualität hat eine kritische Masse der vorher gehenden als Voraussetzung. Aufmerksamkeit ist die Grundlage von allen nachfolgenden usw.

 

Wir wollen uns nun kurz diesen Sieben Qualitäten im Einzelnen widmen.

 

 

1. Aufmerksamkeit

 

Der Begriff Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten für alles, was wir tun und das Leben im Allgemeinen. Ohne Aufmerksamkeit geht gar nichts. Aufmerksamkeit ist wie ein Scheinwerfer, den wir auf alles richten. Es ist aber auch die Energie, die allem innewohnt und die alles zu dem macht was es ist. Richtest du auf etwas die Aufmerksamkeit, so richtet es in diesem Moment die Aufmerksamkeit auf dich, bewusst oder unbewusst. Ein wichtiger Teilaspekt der Aufmerksamkeit ist die Achtsamkeit. Achtsamkeit ist der Umgang mit etwas, mit Lebewesen, mit Dingen, mit der Zeit, also mit allem. Jeder Augenblick ist einzigartig. Er wird niemals wieder kommen. Wir können jeden Augenblick verwenden um etwas Altes zu wiederholen, oder etwas neu und besser zu machen. Wir machen eigentlich nie etwas zweimal, sondern immer wieder neu. Der Unterschied liegt in der Qualität einer Handlung, nicht in ihrer Form.

 

 

2. Elastizität

 

Elastizität ist jene Grundverfassung, in der nur jene Muskulatur im Körper arbeitet, die für eine Handlung notwendig ist. Das hört sich jetzt einfach an, doch ist das nicht leicht. In der Regel arbeitet alles Mögliche das nicht notwendig ist. Deshalb sind Menschen auch so verspannt und angespannt, denn sie trainieren 24 Stunden am Tag und geben dadurch ihrem Körper eine Struktur, die einer Ritterrüstung gleicht. Ich spreche nicht gerne von Entspannung, weil viele Menschen darunter ein Sich-hängen-lassen verstehen, und das ist es gerade nicht. Bin ich in dieser elastischen Grundstimmung, so brauche ich keine Vorbereitungsbewegung für eine Anpassung an die Veränderung. Ich kann jedoch nur in dieser Grundverfassung sein, wenn ich meine Struktur nicht durch mein Verhalten (Training) im Alltag in eine Forme presse, die das nicht mehr möglich macht.

 

 

3. Balance

 

Unter Balance in diesem Zusammenhang verstehe ich nicht das Gehen auf einem Seil. Wenn wir die Füße zusammenstellen und die Augen schließen, dann spüren wir, dass der Körper nicht ruhig steht, sondern permanent kleine Ausrichtungsbewegungen ausführt. Wonach richtet er sich aus? Nach der Erdanziehungskraft. Ich verstehe unter Balance also dieses permanente Ausrichten an die Gravitation. Es gibt keine Position, Haltung sondern nur den Prozess der fortlaufenden Ausrichtung.

Grundsätzlich können wir auf zwei Arten damit umgehen:

1.     Wir können gegen die Anziehungskraft ankämpfen. Dann tragen wir uns selbst und alles was wir tragen als Gewicht durch die Welt, oder

2.     wir können uns von der Gravitation und alles, was wir tragen, tragen lassen. Balance hat also etwas mit Wechselwirkung zu tun.

 

 

4. Sensitivität

 

Sensitivität hat grundsätzlich 2 Aspekte. Zuerst der Tastsinn im Allgemeinen, dann die Vernetzung und Zusammenschaltung aller Sinne im speziellen. Der Tastsinn ist bei uns Menschen natürlich an den Händen am ausgeprägtesten. Am restlichen Körper jedoch nicht nur wegen der geringeren Nervenzellen geringer, sondern auch wegen der fehlenden Schulung. Die Körperoberfläche ist das größte Organ und mit ihm berühren wir unsere Umwelt. Wir erlauben Kontakt. Aufgrund der mangelnden Elastizität bewegen wir uns aber wie ein Elefant im Porzellanladen. Wir hacken alles mit Geschwindigkeit und Kraft auf unseren Zustand zurecht und nennen das dann die Wirklichkeit. Welche Auswirkungen dieser Umgang auf unsere Psyche, unser Denken und unserer Sozialverhalten hat, darüber könnte man Bände füllen.

 

 

5. Gewandtheit

 

Wir alle haben eine gewisse Geschicklichkeit mit unseren Händen. Wir sind sozusagen Fingertiere.

Mit der körperlichen Gewandtheit ist es nicht so gut bestellt. Wieso? Ein Tier kommt auf die Welt und hat alle Nervenbahnen, die der Tierart entsprechen frei gestaltet. Innerhalb kürzester Zeit kann es sich aus dem Grund bewegen, wie es der Tierart entspricht. Der Mensch kommt als pures Potential zur Welt und hat nichts frei gestaltet. Er ist voll abhängig von seinem Umfeld und dessen Verhalten. Aus diesem Grund beginnt er sich zu bewegen, wie das Umfeld sich bewegt. Er geht also mit den Kräften, Wechselwirkungen so um, wie sein Umfeld das macht und das ist alles andere als gewandt. Es reicht um durchs Leben zu kommen und hat nach Jahrzehnten die bekannten gesundheitlichen Probleme zur Folge. Die menschlich Gewandtheit und die Verbindung dieser Gewandtheit mit der Geschicklichkeit ist eine Qualität, die man erst freischaufeln muss.

 

 

6. Timing

 

Timing oder „der rechte Augenblick“ ist eine Qualität, die die Vernetzung und kritische Masse der vorangegangenen fünf notwendig macht. Habe ich kein Timing so muss ich auf Kraft und Geschwindigkeit zurückgreifen. Kraft und Geschwindigkeit ist ein Zeichen dafür, dass ich nicht in der Lage bin, mich den Veränderungen des Lebens geschmeidig anzupassen. Mit Kraft und Geschwindigkeit versuche ich alles auf jenes Niveau zurecht zu hacken, mit dem ich umgehen kann. Das Richtige im verkehrten Moment machen ist sinnlos und das Verkehrte im richtigen Augenblick wohl auch. Wir alle kennen die Folgen von dieser Art des Handelns.

 

 

7. Absicht

 

Absicht, Wille oder als unterste Ebene der Kampfgeist ist etwas, was jeder Handlung innewohnen muss, sonst kann sie keine Wirkung haben. Bezogen auf die Selbstverteidigung: Wir bekämpfen nie die Waffen, die Gliedmaßen, wir brechen immer die Absicht eines Angreifers. Absicht ist so etwas, das jeder Handlung, jeder Situation inne wohnt. Oft verborgen oder getarnt als Gegenteil. Nicht die äußere Form zählt, sondern der Inhalt.

 

 

Hat man diese Sieben Qualitäten in einem bestimmten Masse entfaltet und vernetzt, so beginnen daraus zwei weitere zu wachsen. Wir nennen diese „Klares Denken / Scharfsinn“ und „Einsicht / Stilles Wissen“. Doch das ist Thema eines anderen Artikels.

 

Die Sieben Qualitäten sind innerhalb des WTU Wing Tsun die Basis für die drei Bewegungsunsprinzipien und die vier Wechselwirkungen.

 

 

SALVE

Si-Fu / Si-Gung

 

GM Alfred Johannes Neudorfer